ServiceNow: Meine KI-These besteht den Praxistest

ServiceNow

Vor rund fünf Monaten habe ich ServiceNow nach dem massiven Kursrückgang genauer unter die Lupe genommen. Damals dominierte im gesamten Softwaresektor die Sorge, dass immer leistungsfähigere KI-Modelle klassische SaaS-Anbieter verdrängen könnten.

ServiceNow war davon besonders betroffen. Die Aktie hatte zeitweise mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Gleichzeitig konnte ich in den operativen Kennzahlen kaum Hinweise darauf erkennen, dass das Geschäftsmodell tatsächlich erodiert.

Deshalb lautete meine These: ServiceNow könnte zu den Unternehmen gehören, die durch den zunehmenden Einsatz von KI-Agenten nicht an Bedeutung verlieren, sondern sogar wichtiger werden.

Fünf Monate später können wir diese These erstmals anhand neuer Zahlen überprüfen. Und die Entwicklung fällt bislang eindeutig aus.

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Wachstum statt Disruption

Von einer operativen Schwäche ist weiterhin wenig zu erkennen. Im zweiten Quartal stieg der Umsatz um 24 % auf knapp 4 Mrd. USD. Die abobasierten Einnahmen legten sogar um 24,5 % auf 3,88 Mrd. USD zu. ServiceNow übertraf damit die eigene Prognose und hob anschließend den Jahresausblick an.

Damit hat sich seit meiner letzten Analyse etwas Entscheidendes verändert. Damals konnte ich argumentieren, dass sich die befürchtete KI-Disruption noch nicht in den Zahlen zeigt. Inzwischen beschleunigt sich das Geschäft sogar.

Auch der Auftragsbestand bestätigt dieses Bild. Die vertraglich gesicherten Umsätze für die kommenden zwölf Monate erreichten 13,2 Mrd. USD und wuchsen währungsbereinigt um 21,5 %. Der gesamte Auftragsbestand liegt inzwischen bei 29 Mrd. USD und damit 22 % über dem Vorjahreswert.

Diese Kennzahlen werde ich weiter genau beobachten. Sollten Unternehmen ServiceNow zunehmend durch eigene KI-Lösungen ersetzen, müsste sich das irgendwann in schwächeren Neuabschlüssen und einem nachlassenden Auftragsbestand zeigen. Bislang passiert das Gegenteil.

Aus der KI-Wette wird ein Geschäft

Noch deutlicher wird die Entwicklung bei den KI-Produkten selbst.

Im Februar lag das wiederkehrende Vertragsvolumen von Now Assist bei etwas mehr als 600 Mio. USD. Das damalige Ziel lautete, 2026 die Schwelle von 1 Mrd. USD zu überschreiten.

 

Dieses Ziel wurde bereits im zweiten Quartal erreicht. Inzwischen peilt das Management für das Gesamtjahr 1,5 Mrd. USD Vertragsvolumen mit seinen KI-Produkten (KI-ACV) an. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Kunden, die ServiceNows agentenbasierte KI produktiv einsetzen, innerhalb von neun Monaten verneunfacht.

Das ist für mich eine der wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Monate. ServiceNow profitiert nicht nur theoretisch von der zunehmenden KI-Nutzung. Das Unternehmen beginnt, diesen Trend in erheblichem Umfang zu monetarisieren.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Now Assist. Der AI Control Tower überwacht interne und externe KI-Agenten und legt fest, auf welche Daten und Systeme sie zugreifen dürfen. ServiceNow will damit die Plattform bereitstellen, auf der Unternehmen ihre KI-Agenten einsetzen, miteinander verbinden und kontrollieren.

Auch die großen Kunden ziehen mit. ServiceNow schloss im vergangenen Quartal 123 neue Verträge mit einem zusätzlichen jährlichen Vertragsvolumen von jeweils mehr als 1 Mio. USD ab. Das waren knapp 40 % mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig verfügen inzwischen 658 Kunden über ein jährliches Vertragsvolumen von jeweils mehr als 5 Mio. USD.

Von einer beginnenden Abwanderung kann damit bislang keine Rede sein.

Der nächste Wachstumsmarkt entsteht

Seit meiner letzten Analyse hat sich allerdings auch das Geschäftsmodell weiterentwickelt.

Mit den Übernahmen von Veza und insbesondere Armis baut ServiceNow sein Geschäft massiv in Richtung Cybersecurity aus. Armis erkennt und überwacht vernetzte Geräte und andere digitale Assets. Veza kontrolliert wiederum Identitäten und Zugriffsrechte – nicht nur von Mitarbeitern, sondern auch von Maschinen und KI-Agenten.

Das passt hervorragend zur bisherigen Strategie. Je mehr KI-Agenten in einem Unternehmen arbeiten, desto komplexer wird nicht nur deren Steuerung. Es entstehen auch zusätzliche digitale Identitäten, Zugriffsrechte und potenzielle Angriffspunkte.

ServiceNow versucht deshalb, Orchestrierung, Governance und Sicherheit auf einer Plattform zusammenzuführen.

Das Security- und Risk-Geschäft hat bereits die Marke von 1 Mrd. USD beim jährlichen Vertragsvolumen überschritten. Durch Armis und Veza soll sich der adressierbare Markt in diesem Bereich mehr als verdreifachen.

Damit könnte sich der Burggraben weiter verbreitern. ServiceNow entwickelt sich zunehmend von einer Workflow-Plattform zu einer Infrastruktur für die Steuerung und Absicherung automatisierter Unternehmensprozesse.

Wo ich genauer hinschaue

Ganz ohne Risiken ist diese Entwicklung nicht.

Allein für Armis hat ServiceNow rund 7,75 Mrd. USD bezahlt. Die Übernahme wurde mit vorhandener Liquidität und zusätzlichen Schulden finanziert. Damit fällt die Bilanz heute weniger komfortabel aus als noch im Februar. Gleichzeitig müssen Moveworks, Veza und Armis erfolgreich in die bestehende Plattform integriert werden.

Hinzu kommen steigende Infrastrukturkosten. Je intensiver Kunden die neuen KI-Funktionen nutzen, desto mehr Rechenleistung wird benötigt. Auch die zunehmende Nutzung der Hyperscaler belastet kurzfristig die Margen.

Dennoch erwartet ServiceNow für 2026 weiterhin eine Non-GAAP-operative Marge von 31,5 % und eine Free-Cashflow-Marge von rund 35 %.

Damit verschiebt sich für mich das Risikoprofil. Die Frage, ob KI ServiceNow das Geschäft wegnimmt, verliert angesichts der aktuellen Zahlen an Gewicht. Dafür müssen wir stärker darauf achten, ob die hohen Investitionen zusätzliches Wachstum liefern und ServiceNow gleichzeitig seine Margen verteidigen kann.

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Hinweis auf Interessenskonflikte: Dieser Beitrag stellt eine Meinung des Autors dar. Der Autor hält Aktien des besprochenen Unternehmens: ServiceNow. Somit besteht konkret und eindeutig ein Interessenkonflikt. Autor, Herausgeber oder Mitarbeiter beabsichtigen, die Aktien – je nach Marktsituation auch kurzfristig – zu kaufen oder zu veräußern, und könnten dabei von erhöhter Handelsliquidität profitieren. 

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