Alphabet: Schwache Zahlen und ChatGPT im Nacken - was tun?

Alphabet: Schwache Zahlen und ChatGPT im Nacken

Lange Zeit gehörte Alphabet zu den Lieblingsaktien der Börsianer. Seit dem letzten Jahr befindet sich der Titel jedoch im Bärenmarkt und notiert trotz der jüngsten Rally immer noch knapp 30 % unter seinem 52-Wochen-Hoch. Neben Problemen im Werbegeschäft sorgt auch ChatGPT für Verunsicherung. Nun hat das Unternehmen seine Quartalszahlen vorgelegt.

YouTube weiter mit Schwächen

Die Quartalsergebnisse kann man als durchwachsen bezeichnen. Das Unternehmen verfehlte im Q4 sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn die Erwartungen der Wall-Street-Experten. Für wenig Begeisterung sorgte insbesondere, dass der einstige Wachstumstreiber YouTube seine Schwächephase immer noch nicht überwunden hat.

Die Werbeumsätze von YouTube lagen mit 7,96 Milliarden Dollar ganze 9 % unter dem Vorjahreswert. Die Analysten hatten 8,25 Milliarden Dollar auf Ihren Zetteln stehen. Offensichtlich setzt der verschärfte Wettbewerb durch TikTok, Reels und Co. dem größten Videoportal der Welt zu.

Starke Wachstumsdynamik in der Cloud hält an

Ein kleiner Lichtblick war das anhaltende starke Wachstum in der Cloud-Sparte. Hier legten die Erlöse gegenüber dem Vorjahr immerhin um 32 % zu. Dies lag zwar auch leicht unter den erwarteten 7,43 Milliarden Dollar, ist aber im Vergleich zur Konkurrenz ein solides Ergebnis. Bei den Erzrivalen AWS (Amazon) und Azure (Microsoft) stiegen die Clouderlöse im relevanten Zeitraum lediglich um 20 respektive 31 %.

Insgesamt konnte das Unternehmen dank der Google Cloud im vierten Quartal noch ein Umsatzwachstum von einem Prozent verbuchen. Ohne die Google-Cloud würde unter dem Strich ein Umsatzminus von 2 % stehen.

Alphabet: Q4-Zahlen 2022

Gewinnrückgang

Neben dem schwächeren Wachstum sorgt aktuell auch die sinkende Profitabilität des Konzerns für wenig Begeisterung. So sank der operative Gewinn gegenüber dem Vorjahresquartal um 17 % und die operative Marge um 5 Prozentpunkte. Auch im Gesamtjahr 2022 beläuft sich der Margenrückgang auf 5 Prozentpunkte.

Das Unternehmen führt den Margendruck vor allem auf höhere Personalausgaben zurück, die 2022 um 10 % zulegten. An dieser Stelle hat Alphabet allerdings bereits die notwendigen Maßnahmen eingeleitet und 12.000 Stellen gestrichen.

Ausblick von Alphabet

Alphabet sprach im Hinblick auf das Jahr 2023 von anhaltenden makroökonomischen Unsicherheitsfaktoren, die das Werbegeschäft weiter beeinträchtigen könnten. Angesichts der schwächelnden Konjunktur in allen wichtigen Märkten von Alphabet sollten die Investoren diese Aussage des Konzerns durchaus ernst nehmen.

Man darf nicht vergessen, dass Alphabet nicht nur unter der Konjunkturflaute leidet, sondern sich einer zunehmenden Wettbewerbsintensität ausgesetzt sieht. Und damit sind neben den bekannten Konkurrenten im Social-Media-Umfeld (Meta, Snap, TikTok, Pinterest, etc.) insbesondere die Tech-Giganten Apple und Amazon gemeint, die mittlerweile hohe Milliardenbeträge mit Online-Werbung umsetzen. Amazon etwa hat im Q4 entgegen dem Markttrend seine Werbeerlöse um 200 Millionen Dollar auf 11,56 Milliarden Dollar gesteigert.

Die Frage, die sich aus Investorensicht nun stellt, ist: Wie stark wird sich diese Entwicklung in der Werbeindustrie auf Alphabets Wachstum auswirken? Der Konzern ist in den vergangenen 5 Jahren im Schnitt um 20 % pro Jahr beim Umsatz gewachsen. Ich gehe davon aus, dass Alphabets jährliches Erlöswachstum sich künftig auf 12 bis 15 % verlangsamen wird. Das deckt sich mit der Prognose der Analysten, die für das Jahr 2023 lediglich ein Plus von 14 % vorhersagen.

Auch in diesem Falle würde das Unternehmen allerdings stärker als der Gesamtmarkt wachsen und damit seine Marktführerschaft weiter ausbauen können. Die Marktforscher von Statista etwa erwarten, dass die weltweite Online-Werbebranche in den nächsten 5 Jahren mit einem CAGR von 10 % wachsen wird.

Fundamentalanalyse

Doch ist der Internet-Gigant auch fundamental gut aufgestellt? Alphabet hat 2022 einen Free Cashflow (FCF) von rund 60 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Das sind rund 7 Milliarden Dollar weniger als noch im letzten Jahr, entspricht aber immer noch einer beachtlichen Cashflow-Marge von 21 %. Das Geld gibt das Unternehmen in Form von Aktienrückkäufen an die Investoren zurück. 2022 wurden eigene Anteile im Volumen von knapp 60 Milliarden Dollar zurückgekauft, weitere Anteile sollen 2023 für 29 Milliarden Dollar erworben werden.

Ich habe im Rahmen eines früheren Artikels unter der konservativen Annahme, dass Alphabets Free-Cashflow-Wachstum sich in den nächsten 5 Jahren um 5 % abschwächen wird, einen fairen Wert für den Titel von 128 Dollar ermittelt. Damit besteht vom aktuellen Kursniveau aus ein Aufwärtspotenzial von 22 %.

Nicht zuletzt lohnt sich auch ein Blick in die Bilanz des Konzerns. Die Eigenkapitalquote lag zum Ende des letzten Geschäftsjahres bei beachtlichen 70 Prozent. Fast die Hälfte davon – 113,76 Milliarden Dollar – bestand aus liquiden Vermögenswerten wie Cash und festverzinsliche Wertpapiere. Der Goodwill-Anteil ist zwar im Vorjahresvergleich aufgrund von neuen Übernahmen um 6 Milliarden Dollar gestiegen, dieser Anstieg ist aber im Vergleich zur riesigen Bilanzsumme (365,264 Dollar) kaum der Erwähnung wert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Alphabet trotz der aktuellen Herausforderungen, fundamental auf sehr gesunden Beinen steht und derzeit sowohl in Bezug auf seinen fairen Wert als auch auf das 23er-KGV (das mit 20 deutlich unter dem 5-jahres-Mittelwert von 28 liegt) unterbewertet ist.

Alphabet: Bilanz im Q4 2022

Risiken durch Chatbots

Ein Risiko, das zurzeit eine besonders hohe Aufmerksamkeit in der Presse erfährt, ist das Aufkommen der neuen Text-KI ChatGPT. Einige Anleger befürchten, dass ChatGPT die Google-Suchmaschine ablösen könnte.

Ich finde, dass man die Gefahr durch ChatGPT nicht überbewerten sollte. Zum einen ist die Technologie laut Unternehmensangaben noch nicht ausgereift. Konfrontiert man die KI beispielsweise mit einer Falschaussage, ist sie häufig nicht imstande, ihre Meinung zu ändern. Bis ChatGPT zum verlässlichen Assistenten wird, dürften noch einige Monate, wenn nicht sogar Jahre vergehen.

Diese Zeit kann Alphabet nutzen, um eine eigene mächtige Sprach-KI aufzubauen, die in Verbindung mit anderen Google-Diensten und der riesigen Google-Datenbank einen höheren Mehrwert für die Nutzer haben dürfte, als reine Chatbots wie ChatGPT.

Alphabet-CEO Sundar Pichai hat im Rahmen des Quartalsberichts bereits eine neue KI-Offensive angekündigt. Schon „in wenigen Wochen“ solle die App Lamda AI für alle Nutzer freigeschaltet werden. Die Suchmaschine Google solle dabei durch den Einsatz großer Sprachmodelle optimiert werden

FAZIT

Trotz der durchwachsenen Q4-Zahlen und der andauernden Probleme in der Online-Werbeindustrie ist Alphabet fundamental bestens aufgestellt, um seine Marktmacht aufrechtzuerhalten. Zumal die Aktie nach wie vor deutlich unter ihrem fairen Wert notiert.

Ob ChatGPT eine Gefahr für die Google-Suchmaschine darstellt, wird sich erst zeigen, wenn die dahintersteckende Technologie ausgereift ist. Diese Zeit kann der Internet-Gigant dazu nutzen, um ein starkes Konkurrenzprodukt aufzubauen, das in Verbindung mit den Google-Diensten einen höheren Mehrwert für die Nutzer bietet als ChatGPT und analoge KI-Modelle.

Ich bleibe jedenfalls für die Aktie bullish.

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Hinweis auf Interessenskonflikte

Dieser Beitrag stellt eine Meinung des Autors dar. Der Autor hält Aktien des besprochenen Unternehmens. Somit besteht konkret und eindeutig ein Interessenkonflikt. Autor, Herausgeber oder Mitarbeiter beabsichtigen, die Aktien – je nach Marktsituation auch kurzfristig – zu kaufen oder zu veräußern und könnten dabei von erhöhter Handelsliquidität profitieren.

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